Immer mehr Menschen wenden sich bei persönlichen und beruflichen Problemstellungen an professionelle Helfer, um eine aktuelle Herausforderung zu bewältigen, wenn diese allein oder nach Rücksprache mit vertrauten Personen nicht lösbar zu sein scheint.

Es stellt sich für die Betroffenen oft die Frage: Welcher professionelle Helfer ist für die Bewältigung des Anliegens geeignet, da vielfältige Angebote mit Bezeichnungen wie z.B. psychologische Beratung, Coaching, Psychotherapie ähnliche Vorgehensweisen aufzeigen, ähnliche Absichten verfolgen und somit den Hilfesuchenden verwirren können.

Viele der Betroffenen sind mit der Entscheidung auch deshalb überfordert, da „gesunde“ Reaktionen auf Belastungen gegenüber „krankhaftem“ Leiden auf den ersten Blick nicht immer sicher abgrenzbar, und in der Realität fließende Übergänge zu finden sind.

Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Coaching und Psychotherapie sollten jedem Coach bekannt sein, um die Tätigkeit rechtssicher auszuüben und dem Coachee die bestmögliche Unterstützung geben zu können.

Grundlegend kann gesagt werden, dass Menschen, die sich oft hilflos und überlastet fühlen, auf geringe Belastungen  depressiv reagieren,  auf alltäglichen Geschehnisse hin zunehmend Ängste entwickeln, sich mehr und mehr aus sozialen Kontakten zurückziehen, ihr Denken und Verhalten nur noch schwer steuern können, beim Therapeuten besser aufgehoben sind denn bei einem Coach.

Rechtliche Aspekte von Coaching und Psychotherapie
Folgende Gedanken sollen als weitere Orientierungshilfen dienen, ratsuchenden Menschen eine Vorsortierung zu ermöglichen: Zuerst sollte beachtet werden, dass psychologische Beratung sowie Coaching rechtlich nicht geschützte Begriffe bzw. Tätigkeiten sind, d.h. jeder kann praktisch diese Dienstleistung ohne rechtliche oder fachliche Vorbedingungen anbieten.

Die Psychotherapie hingegen ist in Deutschland staatlich geregelt, d.h. es muss eine staatliche Therapieerlaubnis als Facharzt, psychologischer Psychotherapeut, Heilpraktiker oder Heilpraktiker eingeschränkt für Psychotherapie vorliegen, da andernfalls ein Verstoß gegen geltendes Recht gegeben ist und als Straftat geahndet werden kann (§ 5 des Heilpraktikergesetzes (HeilprG): Wer, ohne zur Ausübung des ärztlichen Berufs berechtigt zu sein und ohne eine Erlaubnis nach § 1 HeilprG zu besitzen, die Heilkunde ausübt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft).

Aus rechtlicher Sicht ergibt sich daraus, dass in der psychologischen Beratung und dem Coaching keine Leidensthemen behandelt werden dürfen, die in den klinischen Bereich der psychischen Störungen hineinreichen. Welche Krankheiten dies im Einzelnen sind, ist in der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD 10, Kapitel F) umfassend dargestellt.

Die Störungsbilder der ICD 10
Neben den körperlich begründeten psychischen Störungsbildern (F0 und F1 = Behandler ist der Facharzt), den sogenannten endogenen Störungsbildern aufgrund einer Neurotransmitterproblematik (den Gehirnstoffwechsel betreffend, Unterkapitel F 2 und F 3 = überwiegend psychiatrische Behandlung) sind in der ICD 10, Kapitel F, Unterkapitel F 4, F5 und F 6 die seelischen Erkrankungen aufgeführt, die in den Bereich der Psychotherapie fallen. Staatlich zugelassene Behandler im Bereich Psychotherapie sind Fachärzte für Psychotherapie, psychologische Psychotherapeuten, Heilpraktiker sowie Heilpraktiker eingeschränkt für Psychotherapie.

Das Unterkapitel F4 beschreibt weitere Indikationen für Psychotherapie: die akuten Belastungsreaktionen, die neurotischen und somatoformen Störungsbilder, F5 die Verhaltensauffälligkeiten betreffend Schlaf, Essgewohnheiten sowie Sexualität, und F6 die Persönlichkeitsstörungen. Weitere Infos zum Thema finden Interessierte unter Behandlung psychischer Störungen.

Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen Coaching und Psychotherapie

Leider lassen sich diese rechtlichen Vorgaben in der Realität jedoch nicht immer eindeutig unterscheiden, da vielfälige Überschneidungen möglich sind. Es ist daher allen im psychosozialen Bereich  tätigen Menschen (psychologischen Beratern, Coaches) zu empfehlen, eine solide Kenntnis hinsichtlich der Erscheinungsformen psychischer Belastungen zu haben, um einerseits nicht gegen das Therapiegesetz zu verstoßen, andererseits für den Ratsuchenden die bestmögliche Behandlung in Form einer Weiterleitung (bei Bedarf) an einen Psychotherapeuten zu gewährleisten.

Grundlegend ist zu beachten, dass immer dann, wenn die Selbststeuerungsmöglichkeit, die Selbststeuerungsmechanismen eines Menschen nicht mehr ausreichen, eine Problemlösung zu erreichen, eindeutig von Psychotherapiebedarf gesprochen werden kann.

Dies ist z.B. der Fall wenn aus allgemeinen angstauslösenden Vorstellungen z.B. Prüfungsangst, diffusen Zukunftsängsten etc. eine Angsterkrankung wird, die den Lebensspielraum einengt, weil angstauslösende Situationen gemieden werden. Weiterhin wenn aus momentaner Verstimmtheit eine Depression wird, die die Wahrnehmungen, das Denken und die Verhaltensweisen des Menschen negativ beeinflusst, oder der Umgang mit z.B. Alkohol Suchtaspekte aufweist.

Grundlegend gilt: Je schwerer die persönliche psychosoziale Beeinträchtigung, desto eher ist von Psychotherapie anstatt von Coaching zu sprechen.

Klarheit hierüber kann eine Krankheits-Anamnese bei einem therapieberechtigten Behandler bringen. Wenn eine psychisch diagnostizierbare Krankheit nach ICD 10 eindeutig vorliegt, ist immer zwingend Psychotherapie indiziert, kein Coaching.

Wann ist Coaching sinnvoll?
Coaching ist grundlegend als Hilfe zur Selbsthilfe im Rahmen der Suche nach Problemlösungs-Strategien zu verstehen. Jeder Mensch wird von Zeit zu Zeit an persönliche Grenzen stoßen oder berufliche sowie private Krisen erleiden, die zu inneren Blockaden, Motivationsverlust, momentanen Gefühlen der Hilflosigkeit, Misstrauen, Unzufriedenheit und Ratlosigkeit führen sowie die berufliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.

Coaching bietet in diesen Fällen Lösungsansätze, um adäquat auf Schwierigkeiten und Hindernisse reagieren zu können. Der Coach unterstützt dabei die Lösungs-Kompetenzen und verfolgt die Absicht, die Entwicklung der Persönlichkeit des Coachees gezielt zu fördern. Des Weiteren soll der Klient durch ein Coaching dazu befähigt werden, die im eigenen Einflussbereich stehenden Veränderungspotentiale optimal auszuschöpfen.

In einer psychologischen Beratung sowie im Coaching werden, ähnlich wie in der Psychotherapie, zur Bewältigung der  Probleme vergleichbare Interventionstechniken angewendet . Das gemeinsame Ziel all dieser Bestrebungen besteht ja auch letztendlich darin, dem Klienten ressourcenorientierte Lösungsmöglichkeiten für ein gelingendes Leben zur Verfügung zu stellen.

So kann z.B. im Rahmen eines Burn-Out –Geschehens zu Beginn der Problematik evtl. noch von Coaching gesprochen werden (Burnout erkennen), stellen sich jedoch bestimmte Symptome wie chronische Schlafstörungen, depressive Symptome, Ängste, soziale Rückzugstendenzen ein, so sollte der Coach seine Grenzen erkennen und die Notwendigkeit einer medizinischen und psychotherapeutischen Behandlung dem Klienten gegenüber argumentieren können.

Wichtig ist es daher auch, sich als Ratsuchender/Betroffener zu informieren, welche Ausbildung der jeweilige Ansprechpartner hat, und mit welchen Interventionsansätzen er arbeitet, um für das eigene Anliegen die bestmögliche Versorgung zu finden.

Was geschieht in einer Psychotherapie
?
Gegenüber dem Coaching sind in einer Psychotherapie nicht nur die aktuell gegenwärtigen, bewusst fassbaren Themen Gegenstand der Arbeit, sonder auch die biografischen Belastungsakpekte. Entsprechend zurückhaltender ist (zumindest zu Beginn der Therapie), die ziel- und lösungorientierte Vorgehensweise des Therapeuten. In einem Therapieplan, der die psychodynamischen Aspekte berücksichtigt, setzt der Psychotherapeut entsprechend dem Störungsbild Interventionstechniken ein, welche die gesamte psychische Situation des Patienten berücksichtigen.

Eine Psychotherapie achtet, entsprechend dem Symptombild, verstärkt auf die Belastungsfähigkeit des Patienten, bezieht wesentlich die Bearbeitung tiefgreifender psychischer Problemstellungen unter Berücksichtigung der persönlichen Lebensgeschichte mit ein, integriert bewusster die Übertragungsphänomene, Widerstände und Sekundärgewinne des Patienten in das therapeutische Vorgehen unter Berücksichtigung eines störungsbezogenen Therapieplans als dies üblicherweise beim Coaching der Fall ist.

Autor: Bernhard Tille, DVNLP-Lehrtrainer, Lehrcoach und Lehrtherapeut, Heilpraktiker für Psychotherapie.